Heute ist Welttag des Stotterns:
Als ob der Gurt blockiert


Berthold Wauligmann vergleicht das Stottern mit dem Blockieren eines Sicherheitsgurts. Je verbissener man zieht, desto weniger bekommt man ihn aus der Halterung heraus. Foto:
Berthold Wauligmann vergleicht das Stottern mit dem Blockieren eines Sicherheitsgurts. Je verbissener man zieht, desto weniger bekommt man ihn aus der Halterung heraus. Foto:
(Jürgen Peperhowe)


Havixbeck - Als 16-Jähriger nahm Berthold Wauligmann einen Marsch von elf Kilometern auf sich, weil er sich nicht traute, am Schalter eine Fahrkarte nach „Gr-Gr-Greven“ zu kaufen. Wenn das Telefon zu Hause klingelte, nahm er Reißaus: Hatte er doch schon mal minutenlang vergeblich versucht, seinen Namen zu nennen. In der Schule hagelte es schlechte Noten, weil ihm die mündliche Teilnahme am Un­ter­richt unmöglich war. „Und bei Bewerbungsgesprächen wurde ich aussortiert, ob­wohl ich die schriftlichen Tests mit Bravour bestanden hatte“, sagt der Verwaltungsbeamte.

Berthold Wauligmann ist Stotterer. Oder besser: Er war es. Dass sich der 54-jährige Havixbecker heute als geheilt bezeichnet, liegt an einer Therapiemethode, die er selbst entwickelt hat. Anlässlich des heutigen „Welttags des Stotterns“ möchte er Menschen mit ähnlichen Pro­blemen helfen. So hat er mit finanzieller Unterstützung des Verbands der Ersatzkassen NRW einen Film gedreht, in dem er seine Erfahrungen verarbeitet hat und Tipps gibt, wie Stottern gelindert oder gar überwunden wer­den kann.


„Beim Blockieren ei­nes Sicherheitsgurts hilft nur, langsam und gleichmäßig zu ziehen. Ähnlich ist es beim Stottern“, erklärt der Fachmann. Ruhe bewahren, grade auch in Stresssituationen, sich Zeit nehmen für schwierige Worte - das sei das A und O. Er selbst trainiere die gezielte Reduzierung des Sprechtempos, lege auf natürliche Weise längere Pausen und Silbendehnungen ein. „So, als müsste ich grade ein bisschen nachdenken. Das fällt gar nicht auf“, erläutert Wauligmann.

Wie beim Autofahren gebe es auch in der Sprache Warnschilder, dort, wo Gefahren lauern. Bei fremden Sprachen etwa, umständlichen Ausdrücken, wenn man den eigenen Namen sagen müsse und dabei auch noch das Gefühl habe, unter Zeitdruck zu stehen. In solchen Momenten hilft es Wauligmann, in den Bauch statt in die Brust zu atmen. „Da bin ich dann nicht so angespannt“, erklärt der 54-Jährige und macht die Telefonsituation vor. Es klingelt, er atmet einmal kurz ein und aus - und geht dann erst an den Apparat. Ihm geht sein Name flüssig von den Lippen. War vor allem der Anfangsbuchstabe B früher ein Stolperstein für ihn, lässt er jetzt den Druck weg. Überhaupt sei ein „Ich muss, ich will“ dem flüssigen Sprechen nicht zuträglich.

„Zum Stottern gehören negative Gedanken wie: Gleich bleibe ich hängen. Oder: Oh Gott, ist dieses Wort schwer.“ Um dem entgegenzuwirken, übt Wauligmann, gelassen zu bleiben, pflanzt etwa beim Geschirrspülen oder an der Supermarkt-Kasse positive Gedanken in sein Unterbewusstsein. „So nebenbei im Alltag: Das nimmt gar nicht viel Zeit in Anspruch.“

Um all dies an Stotterer weiterzugeben, ihnen Mut zu machen, dass ein angstfreies und kommunikatives Leben möglich ist, hat er seine Erfahrungen in seinem Film und einer Broschüre verarbeitet. Beide sind kostenlos bei ihm bestellbar.

Darüber hinaus lädt er zum Seminar am 27. November nach Münster ein sowie dazu, die regelmäßigen Treffen der Selbsthilfe Münster zu besuchen. „Fünf Ehepaare sind schon daraus hervorgegangen“, flachst er. Insgesamt hülfen die Treffen Menschen, die sonst vielleicht vor ihrem Handicap in die Isolation flöhen, ihre Scheu zu überwinden und bestimmte Stresssituationen zu trainieren.

Für den Havixbecker selbst platzte der Knoten, als ihm vor drei Jahren bewusst wurde, dass viele Stotterer nicht mehr stottern, wenn sie auf der Bühne stehen, eine Rolle spielen also. „Seither bin ich Berthold Wauligmann der Zweite, derjenige, der nicht mehr stottert.“

VON JULIA GOTTSCHICK, MÜNSTER


21 · 10 · 10



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