Montag, 21.05.2012






Lesung aus Autobiografie

Reisender Demokratielehrer


Joachim Gauck liest vor: In seinem Buch „Winter im Sommer“ berichtet er - wie hier in Rheine - über seine Erfahrungen als Bürgerrechtler in der DDR.Foto:
Joachim Gauck liest vor: In seinem Buch „Winter im Sommer“ berichtet er - wie hier in Rheine - über seine Erfahrungen als Bürgerrechtler in der DDR.Foto:
(Sven Rapreger)


Rheine - Joachim Gauck ist offensichtlich interessant wie nie: Mehr als 500 Zuhörer drängeln sich am Donnerstagabend in der Rheiner Stadtkirche St. Dionysius, um dem Mann zuzuhören, der nur ganz knapp - im dritten Wahlgang - am 23. Mai 2010 bei der Wahl des Bundespräsidenten Christian Wulff unterlegen war. Dabei bleibt an diesem Abend das Thema Bundespräsident außen vor. Gauck liest aus seiner Autobiografie „Winter im Sommer - Frühling im Herbst“, die schon im Jahr 2009 erschienen ist - ein Jahr vor der Nominierung des DDR-Bürgerrechtlers und späteren Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen für das höchste Staatsamt.

Gelegenheit zur Diskussion gibt es nach der Lesung nicht. Insofern bleibt die Frage ungestellt, ob Gauck vielleicht der bessere Bundespräsident wäre. Warum dann das große Interesse an der Person? „Das ist etwas, was sich in den vergangenen Wochen und Monaten so aufgebaut hat“, sagt der frühere evangelische Pfarrer mit Blick auf die restlos ausverkaufte Veranstaltung. Er fügt hinzu: „Es überrascht mich schon, aber es ist nicht das erste Mal.“ Seine erste Lesung habe er in diesem Jahr in Karlsruhe gehalten, wo man ins dortige Konzerthaus auswich und er mehr als 1000 Zuhörer hatte. „Das freut mich natürlich und zeigt die Sehnsucht der Menschen, einer Person zu begegnen, der sie irgendwie vertrauen“, sucht Gauck nach Erklärungen für den Publikumserfolg.


„Winter im Sommer“, im Buch steht diese Metapher für die Erfahrungen des Bürgerrechtlers Gauck in der DDR. Einer Diktatur, der seine Familie durch frühes Erleben - der Vater wurde 1951 „abgeholt“ und verbrachte vier Jahre in einem russischen Arbeitslager - in Opposition gegenüberstand. „Frühling im Herbst“ steht für die Ereignisse des Wendejahres 1989, als die Bürger der DDR sich von ihren Ängsten verabschiedeten und die friedliche Wende herbeiführten, die 1990 zur Wiedervereinigung führte.

Auch mehr als 21 Jahre danach sieht der „reisende Demokratielehrer“ Gauck den Prozess der Einheit als nicht abgeschlossen an. „Der Osten ist sehr auseinandergefallen. Ein Teil entwickelt so ein Gefühl, man ist überrollt von der Geschichte“, sagt Gauck. „Das ist nicht der größere, sondern der kleinere Teil, aber da brauchen wir noch zehn bis 20 Jahre, bis auch die Mentalität einheitlich ist“, fügt er hinzu.

Sein Hauptratschlag ist, nicht das zu tun, was Deutsche gerne tun: sich zu fürchten. „Mit dem Angsthaben klappt es immer“, ärgert sich Gauck über die Schwarzmalereien in der gegenwärtigen Finanz- und Schuldenkrise. „Wir haben doch eine Menge Krisen hinter uns“, betont er. Natürlich sei es in einer Demokratie wichtig, die eigenen Institutionen zu kritisieren, wenn sie kritikwürdig seien. „Man kann aber doch nicht die Summe der Mängel bilden und meinen, damit habe man das Wesentliche erfasst“, sagt der 72-Jährige. Vielmehr müssten die Deutschen begreifen, was die freiheitliche Gesellschaft ihnen für ungeahnte Möglichkeiten biete. Das gelte auch im Blick auf Europa, wo es wichtig sei, in der Krise nicht die Flucht zu ergreifen. Gauck rät vielmehr: „Wir müssen überlegen, ob wir nicht vielleicht gestalten können - natürlich auch mit Finanzen. Aber vor allem mit der Absicht, das europäische Projekt nicht gleich zu beerdigen.“



04 · 02 · 12



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