Rektor Ulrich Röttger blickt auf zwei Jahrzehnte an der Marienschule zurück
„Chancen und Grenzen sehen“
Ein ganz besonderes Geschenk überreichten diese vier Mädchen dem scheidenden Rektor Ulrich Röttger: Im Marien-Kurier haben sich alle Schülerinnen und Schülern mit selbst gemalten Bildern verewigt.Foto: (sff)
Senden - Nach 21 Jahren an der Marienschule ist Rektor Ulrich Röttger am Montag mit einem „großen Bahnhof“ verabschiedet worden. Am Dienstag hatte er nach über 40 Dienstjahren seinen letzten Schultag. WN-Redakteur Siegmar Syffus sprach mit ihm aus diesem Anlass über die Entwicklung der Marienschule in den vergangenen zwei Jahrzehnten.
1990 wechselten Sie von der Edith-Stein-Hauptschule an die Mariengrundschule. Was fiel Ihnen dort besonders auf?
Ulrich Röttger: Die Schule war unter der Leitung von Helmut Wanko auf dem neuesten Stand. Bereits im Sommer 1990 begannen wir mit der Übermittagsbetreuung, die Herr Wanko eingeleitet hatte. Wir waren weit über Senden hinaus die Ersten. Ursächlicher Grund war, dass schon damals der Wunsch vieler Eltern bestand, ihre Kinder länger in der Grundschule zu belassen. Meistens aufgrund beruflicher Tätigkeit.
Nach dem Abzug der britischen Soldaten kamen viele Aussiedler und Asylbewerber nach Senden.
Ulrich Röttger: Das war Mitte der 90er Jahre sicherlich die größte Herausforderung. An jedem Schultag wurden damals mehrere neue Kinder bei uns angemeldet. Das führte dazu, dass wir übervolle Klassen mit 36, 37 Kindern bekamen. Viele von ihnen sprachen kaum oder gar kein Deutsch. Wir haben Auffangklassen gebildet, in denen die Kinder 20 Stunden Deutsch in der Woche hatten. Diese Phase hat insgesamt etwa drei Jahre gedauert. Wir galten nach dieser Zeit als Ausländerschule, obwohl dann der Anteil der Kinder mit Migrationshintergrund bei nur wenigen Prozent lag. Die Anmeldungen aus den älteren Gebieten Sendens ging in dieser Zeit drastisch zurück.
Konnten Sie aus diesen schwierigen Zeit auch etwas Positives ziehen?
Ulrich Röttger: Ja. Wir haben andere Sprachen und andere Brauchtümer kennengelernt. Kinder und Eltern, die bei uns geblieben sind, waren offener gegenüber anderen Kulturen und Sprachen. Das ist sicherlich ein ganz positiver Effekt. Erwähnenswert ist allerdings, dass es besonders für Kinder aus Aussiedlerfamilien manchmal schwierig war, sich in unser System einzugewöhnen. Sie waren es stringent gewohnt. Da hatten einige Kinder Probleme, hier mit ihrer Freiheit umzugehen.
Das waren Herausforderungen im ersten Jahrzehnt Ihrer Tätigkeit an der Mariengrundschule, was kam in den Folgejahren?
Ulrich Röttger: Wir sind Dinge angegangen, die für die Schule eher ungewöhnlich sind. Das war zum Beispiel das vom Land geförderte Projekt Umweltschule in Europa. Heute ist es Schule der Zukunft. An diesem Prozess haben wir mit der gesamten Schulgemeinde drei Mal teilgenommen. Viele Eltern haben sich engagiert eingebracht. So geht zum Beispiel der Zahnputzraum auf reine Elterninitiative zurück. Und auch die Schülerbücherei ist entstanden. 2004 waren wir die erste Schule in Senden, die die offene Ganztagsschule praktiziert hat. Zum einen wurde der Wunsch der Eltern immer stärker. Zum anderen wollten wir einen gewissen zusätzlichen pädagogischen Einfluss nehmen. Wichtigstes Ziel war es, die Hausaufgabenbetreuung zu installieren.Die Mariengrundschule ist ein katholische Schule. Wie bedeutend ist das?
Ulrich Röttger: Wir hatten zwischendurch mal die Überlegung angestellt, den katholischen Status aufzugeben. Das hat zu einem vehementen Protest in der Elternschaft geführt. Im Prinzip sind es jedoch nicht nur katholische Prinzipien, die wir vertreten. Es sind zum Beispiel Rücksichtnahme, Nächstenliebe, offen zu sein für Andere. Allerdings bieten wir ausschließlich katholischen Religionsunterricht an. Doch das wissen die Eltern, die ihre Kinder bei uns anmelden. Von je her haben wir immer alle Kinder aufgenommen. Gerade auch in der Zeit als die Familien mit Migrationshintergrund kamen, die meistens nicht katholisch sind.
Welchen besonderen Aufgaben wird sich Ihr Nachfolger/Ihre Nachfolgerin stellen müssen?
Ulrich Röttger: Der Ganztag wird sicherlich weiter ausgebaut werden müssen. Ich würde mir vom Land wünschen, dass man die Betreuungskosten abschafft, damit sich alle den offenen Ganztag leisten können. Denn es gibt viele Kindern, die nicht zu Hause in Ruhe ihre Hausaufgaben machen können. Eine weitere Herausforderung ist die individuelle Förderung. Es ist oft in den Köpfen der Erwachsenen verankert, dass jedes Kind so gefördert werden kann, dass es das Abitur schafft. Dieser Gedanke wird so in die Grundschule getragen. Individuelle Förderung: Ja und gut. Aber man muss auch die Grenzen sehen. Ein weiterer, ganz aktueller Punkt, ist das Thema Inklusion, also der gemeinsame Unterricht von behinderten und nicht behinderten Kindern. Wir haben bereits sehr positive Erfahrungen damit gemacht. Wir haben aber auch Grenzen kennengelernt, an denen wir sagen: Das können wir als normale Schule nicht leisten - selbst mit einem Förderlehrer, der vor Ort ist, nicht. An diesen Stellen ist es aus Sicht des Kindes erforderlich, dass die Ressourcen der Förderschule genutzt werden. Die sind personell und sächlich ganz anders ausgestattet. Es wird sicherlich die größte Herausforderung werden, hier die Möglichkeiten und Grenzen richtig einzuschätzen.