Lesung zu Modersohn-Becker

„Ist ein Fest schöner, nur weil es lang ist?“


Elvira Meisel-Kemper stellte auf Einladung der KIM die Künstlerin Paula Modersohn-Becker vor.Foto:
Elvira Meisel-Kemper stellte auf Einladung der KIM die Künstlerin Paula Modersohn-Becker vor.Foto:
(Irmgard Tappe)


Metelen - Die Vorsitzende der Kulturinitiative Metelen (KIM), Gesine Weritz, schaute entspannt in die Runde. Nicht nur Frauen, auch eine stattliche Anzahl an Männern war am Donnerstagabend zur ersten KIM-Lesung des Jahres gekommen. Im Fokus stand die Malerin Paula Modersohn-Becker.

Die Kunsthistorikerin Elvira Meisel-Kemper rezitierte verschiedene Textstellen aus der Modersohn-Becker-Biografie von Kerstin Decker, die im Jahr 2007 zum 100. Todestag der Malerin erschienen war. Allein die Titelseite des Buches ist verblüffend: Sie zeigt eine Frau mit einem gewölbten Bauch, unbekleidet bis auf eine Bernsteinkette. „Es ist ein Selbstporträt der Malerin. Mit diesem Akt hat sie ihre Seele gemalt. Eine sich selbst Befruchtende, hüllenlos im eigenen Rausch“, interpretierte Meisel-Kemper. Mit dem Werk habe Modersohn-Becker unbewusst eine Bildrevolution ausgelöst, denn es handle sich dabei um den ersten weibliche Selbstakt.


Um 1900 führte Modersohn-Becker ein für die damalige Zeit nahezu revolutionäres Leben zwischen einem Dasein als Frau und als Künstlerin. Anhand eines Diavortrags stellte Meisel-Kemper einige Werke der Malerin vor - ausdrucksstarke Porträts von Menschen, in deren Gesichter das Leben seine Linien gemalt hat.

Doch die Gemälde gefielen den Kritikern der damaligen Zeit nicht. Die impressionistischen Bilder wurden verrissen, und die verheerende Kritik an ihren Werken trieb Modersohn-Becker aus ihrer Wahlheimat Worpswede fort. Sie flüchtete nach Paris, wo man ihre Kunst mit anderen Augen sah.

Als bemerkenswert tat sich auch ein Briefwechsel hervor, auf den die Kunsthistorikerin im Rahmen ihres Vortrages einging. „Versuche dich an den Gedanken zu gewöhnen, dass unser beider Leben auseinandergeht“, schrieb Modersohn-Becker ihrem Mann, dem Landschaftsmaler Otto Modersohn, aus Paris. Er hielt an der Ehe fest. Einmal bekam er von seiner Frau folgende Zeilen: „Ich kann nicht zu dir kommen. Aber schicke mir 200 Mark, damit ich leben kann.“ Seine Antwort: „Deine Wünsche will ich nach Kräften erfüllen. Lebe gut. Und wenn dich eine Liebschaft lockt, dann folge ihr. Ich bleibe dir getreu.“

Dass die Künstlerin in Paris weilte, um zu arbeiten, konnte Otto Modersohn nicht nachvollziehen. In seinen Briefen spiegelte sich der Zeitgeist wider. Paula Modersohn-Becker gab schließlich ihre Trennungsambitionen auf und kehrte nach Worpswede zurück. Sie erwartete ein Kind und starb am 20. November 1907, wenige Wochen nach der Geburt ihrer Tochter, infolge einer Embolie mit 31 Jahren.

Als sie noch voller Lebensmut gewesen war, hatte sie einmal gesagt: „Ich weiß, dass ich nicht lange leben werde. Aber ist ein Fest schöner, nur weil es lang ist? Mein Leben ist ein Fest.“



14 · 01 · 12





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